- Leisten europäische Universitäten Mithilfe bei der Ausübung militärischer Grenzgewalt?
„Frontex and the University: Positivist Dissonance and the Institutionalisation of Border Violence through Research“
von Giulia Corgnier, Michele Lancione, Patrícia Nunes Gomes und Devra Waldman
„Die Forderung nach einer Universität ohne Militär, ohne Verbindungen zu völkermordenden Staaten und ohne Frontex bedeutet nicht, die „akademische Freiheit“ einzuschränken (…). Vielmehr ist es der erste Schritt, um sich gegen den Ausverkauf dieser Freiheit zu wehren und die Universität als kulturellen, sozialen und wirtschaftlichen Raum zu bewahren, in dem das Studium nicht zum Komplizen rassistisch motivierter Todesfälle wird (…).“
(Original auf Englisch: „To call for a university without the military, without ties to genocidal states, and without Frontex is not to diminish ‚academic freedom‘ (…). It is, rather, the first step in resisting the sell-off of that freedom, and in preserving the university as a cultural, social, and economic space where study is not complicit in racialised death (…).“) (S. 18)
– Giulia Corgnier, Michele Lancione, Patrícia Nunes Gomes und Devra Waldman Zusammenfassung
Der Beitrag ist in der kritischen Humangeographie und Grenz- bzw. Migrationsforschung verortet und analysiert die Verschränkung von Hochschulsektor und Gewalt des europäischen Grenzregimes. Corgnier, Lancione, Nunes Gomes und Waldman zeigen, wie Universitäten über Forschungsprojekte, Dienstleistungsverträge und Lehre zu aktiven Akteuren des EU-Grenzregimes werden und Frontex kulturelle Legitimität, Wissen und technologische Infrastruktur bereitstellen. Empirischer Bezugspunkt ist das Interuniversity Department of Regional and Urban Studies and Planning (DIST) am Politecnico di Torino in Turin, dessen Kartografiearbeiten für Frontex sowie die Auseinandersetzungen mit Studierenden- und Aktivist:innengruppen von Sizilien bis Piemont. Theoretisch führen die Autor:innen das Konzept der „positivistischen Dissonanz“ ein: Es bezeichnet eine Wissensproduktion, die auf technische Lösungen für vermeintlich technische Probleme orientiert ist, die Verantwortung für die gewaltförmige Operationalisierung dieser Lösungen aber affektiv ausblendet und auf nicht reflektierten rassistisch-kolonialen Strukturen aufbaut. In Verbindung mit dem „military-industrial-academic complex“ beschreibt der Text, wie diese Dissonanz im neoliberalen Hochschulsystem verankert ist und europäische Außengrenzen, etwa im Mittelmeerraum und entlang der Balkanroute, topologisch in den Alltag universitärer Räume hinein verlängert. Zugleich rahmen die Autor:innen die Universität als potenziellen Ort direkter Kämpfe gegen das EU-Grenzregime.
Key Findings
- Europäische Universitäten fungieren nicht nur als Teil des military-industrial-academic complex, sondern als aktive Vollstrecker und Legitimatoren des EU-Grenzregimes, indem sie Frontex durch Forschung, Dienstleistungsverträge und Lehrprogramme Ressourcen, Wissen und kulturelle Autorität zur Verfügung stellen.
- Das von den Autor:innen entwickelte Konzept der positivistischen Dissonanz erklärt, wie ein technik- und lösungsorientiertes Wissenschaftsverständnis, die affektive Abspaltung der eigenen Verantwortung und rassistisch-koloniale Strukturen zusammenspielen und es Akademiker:innen ermöglichen, Grenzgewalt zu operationalisieren und zugleich subjektiv zu verleugnen.
- Die Fallstudie zum Politecnico di Torino und die beschriebenen Proteste von Studierenden und Aktivist:innen machen deutlich, dass die Infragestellung von Kooperationen mit Frontex, Rüstungsunternehmen und anderen Akteuren der Grenzgewalt ein zentrales Feld ist, um die Universität als Ort anti-rassistischer, anti-kolonialer Kämpfe neu zu positionieren und positivistische Dissonanz aufzubrechen.
- Wie werden aus digitalen Nomaden langfristig Bleibende – und was bedeutet das für regionale Entwicklung?
„Digital nomads or digital settlers? Rethinking regional development in the information age“
von Nikolaos Iason Koufodontis & Eleni Gaki
„Ohne Integration bleiben digitale Siedler ökonomisch abgekoppelt und ihr Einfluss auf die Region bleibt begrenzt.“ (Original auf Englisch: “Without integration programs, digital settlers may remain economically detached, limiting their regional impact.”) (S. 12)
– Nikolaos Iason Koufodontis & Eleni Gaki Zusammenfassung
Diese Studie ist in der Wirtschaftsgeographie, Migrationsforschung und kritischen Regionalentwicklung verortet und untersucht, wie digitale Nomaden in Griechenland entlang eines vierstufigen Modells zu bleibenden Bewohner:innen übergehen. Koufodontis und Gaki zeigen mithilfe eines Mixed-Methods-Designs mit Umfragedaten, 2D/3D-räumlicher Modellierung und qualitativen Reflexionen, dass digitale Mobilität nicht nur temporäre Bewegung darstellt, sondern schrittweise eine Form langfristiger räumlicher Verankerung hervorbringt. Theoretisch wird Digital Settlement als intermediäres Konzept zwischen Lifestyle Mobility und Lifestyle Migration definiert und unter Rückgriff auf Network Migration Theory präzisiert. Im Zentrum steht die Beobachtung, dass kurzzeitige Nomaden vor allem Erschwinglichkeit, Klima und digitale Infrastruktur priorisieren, während sich mit zunehmender Aufenthaltsdauer die Bedeutung elementarer Dienste, insbesondere Gesundheitsversorgung, kommunale Services, Sicherheit und geopolitische Stabilität, stark erhöht. Die empirischen Daten belegen nichtlineare Akzeptanzschwellen, die durch 3D-Modellierung sichtbar werden. Geschlecht und Einkommen moderieren Teilpräferenzen, ohne jedoch die Grundlogik des Stufenmodells zu verändern. Der griechische Fall verdeutlicht, dass regionale Attraktivität auf einem Zusammenspiel von Infrastruktur, Stabilität und Alltagsqualität basiert und dass Digital Settlement nicht zwingend vollständige Sesshaftigkeit erfordert, sondern häufig hybride Lebensformen aus stabilem Basisstandort und periodischer Mobilität umfasst. Insgesamt argumentiert der Artikel, dass digitale Nomaden eine eigenständige Kategorie mobiler Wissensarbeit darstellen, deren regionale Bindungen planerisch gestaltbar sind.
Key Findings
- Die Analyse bestätigt eine systematische, stufenförmige Verschiebung der Standortprioritäten: Von günstigen Kosten und Internetqualität hin zu essentiellen öffentlichen Dienstleistungen, Sicherheit und langfristiger Stabilität.
- Die 3D-Modellierung zeigt starke nichtlineare Schwellenwerte, insbesondere für Gesundheitsversorgung und kommunale Basisinfrastruktur, die für ein langfristiges Bleiben entscheidend sind.
- Politikimplikationen weisen darauf hin, dass unterschiedliche Phasen digitaler Mobilität differenzierte, phasenangepasste Förder-, Visa- und Integrationspolitiken erfordern, um Übergänge zur Sesshaftigkeit zu unterstützen.
- Wie verschieben sich Leitbilder städtischer Lebensqualität vom „Creative Class“-Paradigma zur „15-Minuten-Stadt“?

„Shifting Ideals of the Liveable City: From the ‘creative class’ to the ‘15-Minute City’“
von PHILIP LAWTON
„In vieler Hinsicht kann die 15-Minuten-Stadt als akzeptable Fassade einer neuen, ökologisch freundlichen urbanen Wachstumsmaschine gelesen werden (Original auf Englisch: (…) to a large extent, the 15-Minute City can be read as an acceptable face of a new ecologically friendly urban growth machine, S. 8).“
– Philip Lawton Zusammenfassung
Die 15-Minuten-Stadt ist ein stadtplanerisches Modell, in dem alle wichtigen Alltagsfunktionen wie Arbeiten, Einkaufen, Bildung, Gesundheit und Freizeit innerhalb von 15 Minuten zu Fuß oder mit dem Fahrrad erreichbar sein sollen. Ziel ist es, Verkehr zu reduzieren, nachhaltige Mobilität zu fördern und lebenswertere, gemischte Nachbarschaften zu schaffen. Das Konzept setzt auf Nähe, Dichte, Nutzungsvielfalt und digitale Zugänge, um Städte widerstandsfähiger und ökologischer zu gestalten. Philip Lawton analysiert, wie sich Leitbilder städtischer Lebensqualität von Richard Floridas Creative-Class-Hypothese hin zum Konzept der 15-Minuten-Stadt von Carlos Moreno verschieben. Er verortet den Beitrag in Debatten um urban liveability und entrepreneurial urban transformation und zeigt, dass beide Ansätze als „vehicular ideas“ in globale Politiknetzwerke eingespeist werden. Dabei betont Lawton, dass sowohl Creative Class als auch 15-Minuten-Stadt auf gemischte Nutzungen, Dichte und Walkability setzen, jedoch unterschiedliche Schwerpunkte setzen: Florida koppelt kulturelle Angebote und Diversität direkt an Wachstumsversprechen, während Moreno Proximität, Klimapolitik und Chronourbanismus in den Vordergrund rückt. Lawton zeigt zugleich, wie beide Ansätze Fragen sozialer Inklusion nur unzureichend behandeln und sich leicht in bestehende neoliberale Strategien wie Public-Private-Partnerships und Social-Mix-Politiken einfügen. In der Diskussion um Proximität und Agglomeration stellt er Floridas jüngere Meta-City-Idee der 15-Minuten-Stadt gegenüber und argumentiert, dass solche Schirmkonzepte strukturelle Dimensionen von Arbeit, Produktion und Logistik weitgehend ausblenden.
Key Findings
- Die 15-Minuten-Stadt markiert einen funktionalistischen Wandel der Leitbilder urbaner Lebensqualität, bleibt aber Teil unternehmerischer Stadtstrategien.
- Creative Class und 15-Minuten-Stadt fungieren als „umbrella ideas“ und fast policy-Konzepte, die eine ökologisch gerahmte Wachstumslogik reproduzieren.
- Beide Ansätze blenden zentrale Bereiche wie Produktion, Logistik, Dateninfrastrukturen und Arbeit weitgehend aus, weshalb Lawton eine stärkere Orientierung an konkreten lokalen Governance- und Arbeitsstrukturen fordert.